zu wenig Arbeitslose

(sorry…ist mal wieder lang geworden😀 )

Wenn man an seine eigenen Lügen glaubt, verhaspelt man sich gern mal.

Täglich werden wir mit immer neuen Jubelmeldungen über eine angeblich „geringste Arbeitslosenzahl seit 20 Jahren“ genervt.

Zum Glück hat bis heute kaum jemand den Unterschied zwischen „Zahl“ (offiziell) und „Anzahl“ (real) bemerkt.

Grundlagenkrise?

Das Prinzip des Kapitalismus basiert auf Ausbeutung durch PE an PM.

PE an PM? Das war die Kapitalismus-Abkürzung im Lehrbuch der sozialistischen Staatsbürgerkunde.

Privateigentum an Produktionsmitteln

Die Konzentration der verfügbaren und vorhandenen Produktionsmittel (auch Kapital genannt) als Eigentum einiger Weniger führt zwangsläufig zu einem Mangel an verfügbaren Kapital bei der Mehrheit.

Dieser Mehrheit bleibt also nichts anderes übrig, als „am Markt“ das feilzubieten, was es besitzt: die eigene Arbeitskraft.

Nun wurde im Laufe der letzten paar tausend Jahre immer mehr menschliche Arbeitskraft durch technische Arbeitskraft ersetzt.

Es begann mit dem Faustkeil der Neandertaler und geht bis heute weiter hin zu vollautomatischen Produktionsanlagen.

Damit reduzieren sich zwangsläufig die Möglichkeiten der Menschen, für ihre Arbeitskraft noch Käufer zu finden.

Zumal eine kapitalistische Ordnung nur mit einer kapitalistischen Gesetzgebung funktioniert. Und so kam es, das nur menschliche Arbeit ein „Kostenfaktor“ ist, während technische Arbeit in vollem Umfang lohn- und abgabenfrei dem Kapitalbesitzer gehört. Und damit selbstverständlich auch der volle Profit aus dem Verkauf dieser Wertschöpfung.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Menschen flexibler und leichter zu beschaffen sind als Maschinen, deren „Qualifikation“ nur einen sehr eng begrenzten Rahmen von Tätigkeiten abdecken kann.

Eine Bohrmaschine kann nunmal nur Werkzeuge um die eigene Achse drehen, aber nichts verbiegen, anheben oder in ein Regal einräumen.

Die unbedingte und alternativlose Not der Menschen zum Verkauf ihrer Arbeitskraft zwingt sie dazu, mit Maschinen zu konkurrieren. Angesichts der Wettbewerbsbedingungen mit Lohn- und Abgabenfreiheit der chipgesteuerten Konkurrenz sehen die Kapitalbesitzer, ihre Politik und ihre Medien nur eine Lösung: Der „Arbeitnehmer“ muss ebenfalls lohn- und abgabenfrei werden.

Da sind dann die „Arbeitskosten zu hoch„, die „Löhne nicht wettbewerbsfähig“ oder auch die „Lohnzusatzkosten schädlich .

Die aus der ungerechten Verteilung des Kapitals und der damit erzeugten Wertschöpfung resultierende Arbeitslosigkeit ist dann automatisch ebenfalls ein passendes Argument, um noch mehr einkommenslose Leistung zugunsten der leistungslosen Kapitaleinkommen zu erpressen.

Damit diese Erpressung funktioniert und die Kapitalbesitzer ihrem schändlichen Treiben ungestört nachgehen können, wird der dumme arbeitende Pöbel mit sich stets wiederholenden Legenden ruhiggestellt.

Das Prinzip ist schon viele hundert Jahre alt: Man hat früher den Menschen eingeredet, ihr irdisches Leben müssten sie demütig und unterwürfig erdulden, damit ihnen eines Tages der Weg ins Paradies offensteht.

Heute glaubt kaum noch jemand ausserhelb der bekannten katholischen Kinderschändersekte an ein Paradies, so dass jenes inzwischen durch „Wachstum und Wohlstand“ ersetzt wurde. Obwohl „Wachstum und Wohlstand“ nur bei den Einkommen der Kapitalbesitzer stattfindet, wird man mit dieser Heilslehre des Kapitalismus immer noch auf Gläubige treffen.

Um diesen Aberglauben zu stärken, werden in die allgemeine Kapitalismuspropaganda zeitweise diverse Jubelmeldungen eingeflochten. Zum Beispiel über eine angeblich sinkende Arbeitslosigkeit.

Für viele Glaubensbrüder an den Stammtischen oder mit BILD unterm Arm werden diese Meldungen stets als „Zeichen für Wachstum und Wohlstand“ interpretiert. Eine klassische Massenhypnose.

Damit verbunden ist aber auch der ideologische Widerspruch des Kapitalismus:

Während man real daran arbeitet, die Arbeitslosigkeit zum Zwecke der Optimierung der Ausbeutungsbedingungen zu erhöhen, reduziert man mit dem Glauben an eine sinkende Arbeitslosigkeit gleichzeitig die Chancen des eigenen Erfolges.

Und nun?

Man muss das medial propagierte Absinken der Arbeitslosigkeit durch andere Druckmittel ersetzen.

Die aktuelle Dabatte wird daher auf das Thema „Zuwanderung“ umgeleitet. Man erzählt die Mär, in Deutschland würden bald die Lichter ausgehen, wenn man nicht jedes Jahr mindestens hunderttausende Gastarbeiter „mit erleichterten Zuwanderungsbedingungen“ ins Land holt. Natürlich nicht auf Dauer und auf gar keinen Fall mit einem gesetzlichen Mindestlohn! Das wäre ja der pure Kommunismus, nicht wahr?

Dummerweise ist im billigen osteuropäischen Ausland kaum jemand so blöd, um sich im Agenda2010-Deutschland eine lebenswerte Zukunft vorstellen zu können.

Um trotz dieser Tatsache die Kombination aus hoher Arbeitslosigkeit und hohen Profiten zu erhalten, hat sich das Kapitalistenpack mal wieder in die Tiefen des Frühkapitalismus begeben.

Nach der profitablen „Rente mit 67“-Erfindung (Leute über 58 verlieren nicht nur ihren Kündigungsschutz, sondern auch große Teile ihres Lohnen wegen „rückläufiger, altersbedingter Produktivität„) folgt nun die bei allen Kapitalisten beliebte

Erhöhung der Wochenarbeitszeit

Beim Springer-Konzern (wo sonst?) dürfen die ersten Wirtschaftsfaschos schonmal den Herd anheizen, auf dem die dummgläubige Bevölkerung weichgekocht werden soll.

BILD:

Bald kommt die 45-Stunden-Woche

Wir werden in den nächsten Jahren immer länger arbeiten müssen!

Da haben sich die bekannt-berüchtigten „Wirtschaftsexperten“ mal wieder mit einem „Vorschlag“ zu Wort gemeldet.

BILD ignoriert das natürlich und erklärt diese Kapitalistenforderung prompt zur alternativlosen Tatsache.

Die Wochenarbeitszeit in Deutschland wird mittelfristig bis auf 45 Stunden steigen.

Grund ist der zunehmende Fachkräftemangel.

Nur so ließen sich alle Aufträge abarbeiten.

Schon heute ist es so, dass man bei Auftragsspitzen seitens der Kapitalisten die tägliche Arbeitszeit verlängern kann. Das wird auch bis an die Grenze des Gesetzes ausgenutzt, bis dann schließlich billige Leihsklaven rekrutiert werden.

Prof. Klaus Zimmermann, zu BILD: „Mittelfristig geht es nicht ohne längere Arbeitszeiten. 37,5- oder 38-Stunden-Wochen sind in jedem Fall vorbei. Die effektive Arbeitszeit könnte bis auf 45 Stunden pro Woche steigen.”

Zimmermann ist Chef des DIW und ein überzeugter „Arbeit-macht-frei“-Experte mit klaren Tendenzen zur Wiederholung der ruhmreichen Arbeitsmarktpolitik des 3. Reiches.

Inklusive Lagerhaltung und (unbezahltem) Reichsarbeitsdienst…

Er spricht von „effektiver Arbeitszeit“, welche nach Meinung des DIW stets mindestens 1,5 Stunden niedriger ausfällt als die „reguläre Arbeitszeit“.

Wenn er also von „45 Stunden“ redet meint er eine reguläre Wochenarbeitszeit von mindestens 50 Stunden.

Das gehört aber immer noch zur „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“, da man „früher“ ja schließlich 12 bis 16 Stunden für den Kapitalisten-Wohlstand an den dampfmaschinen-angetriebenen Fließbänder gefaulenzt hat.

2009 betrug die tariflich vereinbarte Arbeitszeit in Deutschland durchschnittlich 37,7 Stunden/Woche. Das ist eine Stunde weniger als im EU-Durchschnitt.

Und was ist mit der realen Arbeitszeit?

Schauen wir mal, was Herr Jahnke dazu zu sagen hat:

reale Wochenarbeitszeit 3. Quartal 2008

Wie kommt dieser Unterschied zustanden? Es gibt nicht nur eine Vielzahl von Tarif-Ausnahmen, sondern auch eine Vielzahl von Unternehmen, in denen es gar keine Tarifverträge und somit „tarifliche Arbeitszeiten“ gibt.

Das Gesetz erlaube sogar noch längere Arbeitszeiten, so der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Prof. Michael Hüther. Danach sind bis zu 48-Stunden Arbeit pro Woche möglich.

Eben. Aber das reicht den Ausbeutern nicht. Sie wollen die Ausnahme zum Normalfall machen:

Wirtschaftsverband UMW: „Die 45-Stunden-Woche sollte zum Normalfall werden. Wir brauchen längere Arbeitszeiten, damit wegen des Fachkräftemangels nicht noch mehr Aufträge verloren gehen.”

Auch Prof. Blum (intern) vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) darf sich zu Wort melden.

„Wir können den Wohlstand nur halten, wenn Unternehmen mehr Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeitszeiten bekommen.

Na sicher doch. Der allgemeine „Wohlstand“ steigt zusammen mit den „Freiheiten der Unternehmer zur Arbeitszeitdiktatur“?

Dann müsste doch der Wohlstand zu Lebzeiten eines Karl Marx um ein Vielfaches höher gewesen sein als heute, oder?

Schließlich gab es damals noch keine Arbeitszeitgesetze, Tarifverträge oder die Idee einer 35-Stunden-Woche.

Der Wohlstand muss sogar so groß gewesen sein, das man damals die Kinder schon nach 10 statt wie vorher nach 12 Stunden Arbeit nach Hause schicken konnte.

Wow! In welch‘ düsteren Zeiten wir doch ohne 72-Stunden-Woche leben müssen! Skandal!

Während die einen von „Fachkräftemangel“ und „demografischem Problem“ faseln, hat sich der schlaue Herr Blum noch einen ganz anderen Grund ausgedacht: die Rente mit 67!

Ja…wirklich! Herr Blum rechtfertigt die Erhöhung der Wochenarbeitszeit mit der Erhöhung der Lebensarbeitszeit!

Allerdings nicht in BILD (das wäre zu auffällig), sondern in Springers WELT:

Eine Wochenarbeitszeit von 45 Stunden wird laut IWH-Forscher Blum bald zur Normalität. Und es könnte noch weiter nach oben gehen.

WELT nennt den Extremisten Blum einen „Spitzenökonom„. Dabei stellen seine Aussagen nur die Spitze der größten anzunehmenden Frechheit dar.

Blum führt den Anstieg der Arbeitszeit auch auf die Rente mit 67 zurück. Es sei unmöglich, schwere körperliche Tätigkeiten bis in dieses hohe Alter auszuüben.

Und nun raten wir mal, welcher „Spitzenökonom“ des IW Halle jahrelang für die 67er-Rente Propaganda gemacht hat…

Aber es kommt noch besser (und dümmer):

Deshalb müssten viele Arbeitnehmer im Alter zwischen 50 und 55 Jahren umgeschult werden. Ein Dachdecker könnte etwa eine Ausbildung zum Altenpfleger absolvieren.

Der Staat sei finanziell nicht in der Lage, die Beschäftigten während dieser Umschulungszeit zu unterstützen. „Deshalb muss ein Arbeitnehmer in den Jahren zuvor auf seinem Arbeitszeitkonto ein Puffer aufgebaut haben, von dem er in dieser Phase zehren kann“, sagt Blum.

Ok… er will also einen Dachdecker ab 55 zum Altenpfleger (vermutlich eine leichte körperliche Tätigkeit) umschulen und bis zur Rente mit 67 seine invaliden Kollegen im Pflegeheim betreuen lassen.

Genial!

Und damit das die Kapitalisten kein Geld kostet, soll man also zukünftig „alternativlos“ die reguläre 45-Stunden-Woche einführen.

„Deshalb muss ein Arbeitnehmer in den Jahren zuvor auf seinem Arbeitszeitkonto ein Puffer aufgebaut haben, von dem er in dieser Phase zehren kann“, sagt Blum.

(Anmerkung: Es muss „einen“ Puffer heißen. Aber dieser Fehler (ein statt einer, einen, eines) scheint in Deutschland inzwischen überall zur Norm zu werden)

Jaaaa…da isses ja wieder, das beliebte „Arbeitzeitkonto“!

Irgendwas kommt mir daran aber merkwürdig vor:

Innerbetrieblich gibt es diese Arbeitzeitkonten schon: Bei Auftragsspitzen wird unbezahlte Mehrarbeit angesammelt, um sie dann später in bezahlte Frei-Tage umzuwandeln. Sofern es die Firma zum Zeitpunkt der „Umwandlung“ noch gibt…

Aber wie soll das bei „Lebensarbeitzeit“ über mehrere Jahre oder Jahrzehnte gehen?

Was passiert beim Wechsel das Arbeitgebers, wenn beim neuen Chef gar keine 45-Stunden-Woche anfällt?

Oder was ist, wenn die Firma Pleite geht und die eingesparten Lohngelder zur Insolvenzmasse werden?

Auch dafür hat der clevere Herr Blum eine Lösung:

Der Lohn soll in eine Versicherung eingezahlt werden, welche dann nach „Freistellung mit 50 oder 55 Jahren“ für Lebensunterhalt UND Umschulung aufkommen soll. Nach Meinung des Herrn Blum solle die Armutsagentur in dieser Phase einen Großteil des Nettogehaltes übernehmen.

Das ist dermaßen absurd, dass es schon wieder weh tut.

Warum?

Was Herr Prof. Blum hier vorschlägt ist (fast) eine ganz normale…Arbeitslosenversicherung!

Selbige stellt bereits heute (für 12 Monate) Geld für Lebensunterhalt und Umschulungen/Weiterbildungen etc. zur Verfügung.

Herr Blum möchte also nichts anderes, als in einem ersten Schritt die paritätische Finanzierung und damit die Kapitalistenbeteiligung an der Sozialversicherung für Arbeitslose abschaffen.

Erst für die Ü50-Arbeitnehmer, dann für alle.

Damit schließt sich der Kreis:

Die Erhöhung der Wochenarbeitslosigkeit steigert die Profite mit Hilfe der Erpressbarkeit der Arbeitnehmer durch höhere Arbeitslosigkeit und zusätzlich wird auch noch das Risiko selbiger Arbeitslosigkeit komplett auf die Arbeitnehmer abgewälzt.

Der an den Kapitalbesitz gebundene Wohlstand steigt weiter ungebremst an, während vom erarbeiteten „Wohlstand“ nur noch eine blasse Erinnerung übrig bleibt.

Da fehlt dann bloß noch der Vorschlag, die tägliche Mehrarbeit zum „Lohn“ in Höhe einer Versicherungspauschale von 3 Euro/Stunde abzurechnen…

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3 Kommentare - “zu wenig Arbeitslose”


  1. […] Der Unterschied zwischen Zahl und Anzahl […]

  2. JRS Says:

    solche Seiten helfen das System zu erklären.

    Sehr anschaulich – danke,

  3. Helmut Schmidt Says:

    Die Einlieferung von „schwierigen Elementen“ zur Umerziehung in das Sicherungs- und Begrüßungszentrum, wo ihnen eine Basisexistenz ermöglicht wird, in der sie durch ein professionelles „Bewerbungstraining“ geschickt die Arbeitslosigkeit drastisch senken können und den „Freisetzungsbemühungen“ der vom Kapital lebenden Wohlstandsgesellschaft ein Schnippchen schlagen, in dem sie durch die Hintertür erneut das Unternehmen dank ihrer Bewerbungsintelligenz betreten.


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