Porno am Nachmittag

Pornos sind alle gleich (habe ich mal irgendwo gehört😉 ).

In Pornos sieht man immer das wirklich wahre Leben: Willige sexhungrige Weiber, stundenlang standhafte Hobby-Bodybuilder (also ganz normale Leute) und kurz vor dem Ende der Darbietungen wird geschrien und gestöhnt, bis auch der Nachbar auf der anderen Straßenseite weiß, was gerade für ein Film läuft.

Pornos entspringen merkwürdigen Phantasien merkwürdiger Drehbuchautoren. Sie setzen sich an ihre Schreibmaschine und tippen, wie sie sich ihr (Sex)Leben wünschen.

Ein „authentischer“ Porno wäre auch sterbenslangweilig und würde niemanden interessieren.

Porno am Nachmittag

Jeden Tag von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr liefert der Bertelsmannsender RTL jugendfreie Pornos frei Haus. Da echte Pornos um diese Zeit für Ärger sorgen würden,beschränkt sich das Privatfernsehen auf die Ausstrahlung von Sozialpornos.

Merkwürdige Drehbuchautoren mit eingeBILDeter Realität erfinden sogenannte „DokuSoaps“.

Das sind künstliche Pseudo-Dokumentationen, welche in einer Art und Weise gedreht werden, welche den gezielten Eindruck erwecken soll, es würde „das wahre Leben“ dokumentarisch beobachtet.

Die Schauspieler werden so geschminkt und hergerichtet, wie sich der typische „Mehr-Netto-vom-Brutto!“-Wähler einen HarztIV-Empfänger vorstellt.

Die Schauspieler liefert eine Casting-Agentur, die für eine „Aufwandsentschädigung“ (ist beim Alg2 anrechnungsfrei) HartzIV-Empfänger anheuert, welche vorzugsweise über eine Pisa-Bildung und einen sehr übersichtlichen Wortschatz und Satzbau verfügen sollen.

Für ein kleines Taschengeld eine kleine Aufwandsentschädigung schauspielern sie dann, was das Drehbuch vorschreibt. Der zuständige Dramaturg lässt dann die Kamera etwas wackeln und durch Türspalte oder Schlüssellöcher hindurchschauen. Der zuständige Tonmeister achtet dann darauf, an welchen Stellen des Drehbuches ein „Piiieeeep“ eingefügt werden soll.

RTL nennt diese angeblichen Dokus „Mitten im Leben!„, „Verdachtsfälle“ und „Familien im Brennpunkt„. Erst ganz am Schluss erfährt der Zuschauer für eine Viertelsekunde, dass es sich um „fiktive Handlungen fiktiver Personen“ handelt. Also um reines Fernsehtheater…früher auch „Fernsehspiel“ genannt.

Aber ob die RTL-Zuschauer diese eingeblendete Zeile überhaupt bemerken und damit etwas anzufangen wissen…ich habe da große Zweifel.

In meinem Bekanntenkreis werden diese Shows übrigens auch „Hartz-TV“ genannt.

In der ZEIT hat man sich auch mit diesen Sozialpornos befasst und erklärt sie mit einem „gesteigerten Realitätshunger“ der Zuschauer.

Angeblich würden solche „Dokusoaps“ deshalb so erfolgreich sein, weil:

In Zeiten der Medialisierung aller Bereiche der Gesellschaft wachse beim Publikum ein enormes Bedürfnis nach Authentizität.

Es wird also allen Ernstes behauptet, diese Shows seien „realistisch, allerdings für die Einschaltquoten etwas übertrieben inszeniert“.

Vorurteile und Voyeure

Rein zufällig (wie könnte es auch anders sein im Bertelsmann-TV?) folgen diese „Dokusoaps“ den allgemeinen Sozialschmarotzer-Kampagnen von Politik und Medien.

Die heutigen Hartz-Pornos am RTL-Nachmittag laufen in dieser Form seit August 2009. Also (wieder rein zufällig) seit Beginn des letzten Bundestagswahlkampfes.

Im Zentrum stand von Anfang an nie die Realität, sondern die BILDhafte Darstellung des „typischen Sozialschmarotzers“, welcher in dieser Form allerdings nur in den kranken Schrumpfhirnen von Leuten wie Wolfgang Clement, Thilo Sarrazin, Hans-Werner UnSinn oder auch dem spätrömisch-dekadenten Guido W. existiert.

Das Ziel ist offenkundig: Man will die jahrelang hergestellten Vorurteile und Meinungen über Arbeitslose mit künstlichem Bildmaterial verstärken und so zur allgemeinen „Tatsachen-Beobachtung“ machen.

Wenn dann die BILD mal wieder den Arno dübelt und wochenlang erzählt, wie hinterhältig, faul und abzockend der HartzIV-Empfänger doch ist, kann der Zuschauer jederzeit sagen:“Das ist wirklich so! Das habe ich im Fernsehen gesehen!

Auf die Idee gebracht wurden die „Reality-Doku“-Erfinder übrigens von Wolfgang Clement.

Im Frühjahr 2006 tauchte der Ex-„Superminister“ mit einer Hetzschrift über „Sozialschmarotzer und Sozialstaatsparasiten“ auf. Darin begründete er seinen Hass auf die Schwachen mit „persönlichen Beobachtungen“ einer vorher ausgestrahlten ZDF-„Doku“.

Das war der Teil des deutschen Fernseh“journalismus“ mit der „Kuhle im Bett“ und der „gebrauchten Zweitzahnbürste im Bad“.

Der ZDF-Erfolg war beispiellos. Alle hielten diese „Doku“ für echt und niemand kam auf die Idee, dass die Macher vielleicht monatelang tausende HartzIV-Empfänger mit den „Sozialfahndern“ aufsuchen mussten, nur um eine Handvoll „typischer Beispiele“ zu sammeln.

Niemand fragte danach, ob nicht evtl etwas „nachgeholfen“ wurde oder was mit dem Rohmaterial am Schneidetisch gemacht wurde.

Bertelsmann-RTL war der Aufwand anscheinend zu groß…weshalb man pünktlich zur nächsten Bundestagswahl dazu überging, die „HartzIV-Realität“ ganz einfach selbst zu erfinden.

Da muss man sich auch nicht mehr darüber wundern, weshalb allerorten die Laien-Gutscheine so gelobt werden „damit das Geld auch bei den Kindern ankommt!

Auch der Hype „Bildung Bildung über alles“ wird plötzlich erklärbar, wenn man sich die Drehbuchtexte, die Wortwahl und Artikulation der HartzIV-Darsteller anhört. Dagegen war Slatko (hieß der so?) das reinste Sprachgenie…gleich nach Goethe und Schiller!

Natürlich darf in den tageweise angemieteten Dreh-Wohnungen keinesfalls ein übergroßer Fernseher samt Chipstüten, Bierflaschen und übervollem Aschenbecher fehlen.

Es wäre wirklich absurd und realitätsfern, einen nichtrauchenden, nichttrinkenden altfernseherbesitzenden HartzIV-Sozialschmarotzer zu zeigen,welcher mit seinen Kindern im Hof spielt oder mit ihnen im Stadtpark Kastanien zum Basteln sammelt.

Wer solche Fantasiegestalten zeigt, verschafft „bürgerlich-liberalen“ Koalitionen schließlich keine Wählerstimmen….

Drehbuch-Controller bei „Betrugsfälle“

RTL-Niveau: Diese „Realitäts-Darstellerin“ hält tatsächlich ein Papp-Band in die Kamera!

Der Praktikant für die Schrift-Einblendungen war wohl gerade nicht da….😀

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11 Kommentare - “Porno am Nachmittag”

  1. payoli Says:

    Genialer Text!
    Gratuliere!

  2. sokrates Says:

    Wirklich guter Artikel!
    Aber letztlich nutzlos, da die Masse der Gesellschaft den Medien eh schon auf den Leim gegangen ist und Bildung mit BILD verwechseln. Is ja auch einfacher, sich eine trendige und hippe Meinung aus Deutschlands Meinungsbildungsmedium zu holen und durch auswendig lernen und bei jeder Gelegenheit zu wiederholen dann damit vor Leuten glänzt, deren Bildungshorizont an der eigenen Nasenspitze aufhört. Aber für all jene die das Bildungs- und Unterhaltungskonzept unserer Medien mal hinterfragen wollen, anbei ein lehrreicher Artikel.
    Mal lesen, darüber nachdenken und dann mit unseren Medien vergleichen ;o)
    Viellicht hat der eine oder andere dann ein AHA- Erlebnis

    http://www.therapiedschungel.ch/content/S_u_M_Haupt_Dialektisch_behaviorale_Therapie_DBT.htm

    Der hier ist auch Gut

    http://www.diplom.de/Diplomarbeit-13475/Kognitive_Koennensprobleme_als_Ursache_dysfunktionaler_Verhaltensweisen_im_Controlling-Prozess.html

  3. n1Ls Says:

    als rein…

  4. Gukensalat Says:

    Wo ist hier der Druschba-Smiley geblieben? Der neben der Sternchen-Bewertung. Sofort wieder einstellen, ansonsten Eis-Verbot!

  5. wareluege Says:

    geht nicht😦


  6. Vanessa (19) wurde von ihrem Freund (Fliesenleger) dazu gezwungen, als Leihmutter für ein reiches Paar ein Kind auszutragen. ihrer Mutter bekam das letztendlich mit, Vanessa behält das Kind, der Fliesenleger keine 10.000 Euro sondern eine Strafe. Geschichten, die das Leben (RTL) schreibt…

  7. Cinderella Says:

    Leider ist es so, dass solche Sendungen wirklich als Realität wahrgenommen werden. Die Volksverblödung der Massenmedien funktioniert hervorragend. Kaum Jemand denkt weiter als bis zum Tellerrand.

    Menschen die so leben, meiden meist soziale Kontakte und scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Sich dafür in den Medien zur Schau zu stellen um hinterher der Ächtung/Verachtung der Familie, Nachbarn und Bekannten zu spüren, wäre masochistisch.

    Natürlich gibt es in der Realität diese Lebensverhältnisse und Einstellungen, dort wo die Verwahrlosung mit Alkoholismus einhergeht oder sich Menschen ob ihrer ausweglosen Lage aufgegeben haben. Es wird bewußt verallgemeinert.

    Die angeblich offene Zurschaustellung des „Schmarotzertums“ dient einzig und allein der Diffamierung von Menschen, die in dieser Verwertungsgesellschaft nicht mal mehr ihre Haut zu Markte tragen können. Abgehängt, ausgegrenzt, diffamiert – kapitalistischer „Humanmüll“ eben – der es nicht wert ist von der Allgemeinheit am Leben erhalten zu werden.

    Gleichzeitig dienen solche Sendungen als Abschreckung/Warnung und als Druckmittel für das (noch) benötigte, verwertbare Humankapital, alles in Kauf zu nehmen – um nur nicht so zu enden.

    Die Botschaft lautet: Mehre unseren Profit, hab Angst, glotz TV, konsumiere, gehorche, halt’s Maul, träum weiter und überlass uns das Denken!

    Dazu passend: Für Bertelsmann und RTL ist Hartz-IV ein erfolgreiches Geschäftsmodell: http://www.gegen-stimmen.de/?p=1817

  8. alexandra Says:

    treffend kommentiert und analysiert, ich hab mir gestern nachmittag, weil ich eh aufräumen und putzen wollte, familien im brennpunkt, schulermittler, verdachts- und betrugsfälle angesehen, immer wieder ein paar notizen gemacht.
    so in kompriminierter form wirkten die formate so, als gäbe es nur ein drehbuch. männer sind ernährer, die probleme in sich hineinfressen, frauen sind hausfrauen und mütter. die rollenmodelle sind starr und uralt, man redet kaum ernsthaft miteinander, ist aber sofort bereit zu tiefstem misstrauen. und da viele sowas regelmässig ansehen, werden sie daraus auch ableiten, dass man sich so verhalten sollte.

    hab dann diesen artikel geschrieben:

    http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=1669


  9. […] Fernsehkonsumenten mit TV-Soaps, Talentshows, dramaturgisch zurechtgebogenen »Reality-Dokus« und »Sozialpornos«. Die RTL Group, zu der 45 TV-Sender und 32 Radiostationen in 11 Ländern gehören ist nach […]


  10. […] Fernsehkonsumenten mit TV-Soaps, Talentshows, dramaturgisch zurechtgebogenen »Reality-Dokus« und »Sozialpornos«. Die RTL Group, zu der 45 TV-Sender und 32 Radiostationen in 11 Ländern gehören ist nach […]


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