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Porno am Nachmittag

10. August 2010

Pornos sind alle gleich (habe ich mal irgendwo gehört 😉 ).

In Pornos sieht man immer das wirklich wahre Leben: Willige sexhungrige Weiber, stundenlang standhafte Hobby-Bodybuilder (also ganz normale Leute) und kurz vor dem Ende der Darbietungen wird geschrien und gestöhnt, bis auch der Nachbar auf der anderen Straßenseite weiß, was gerade für ein Film läuft.

Pornos entspringen merkwürdigen Phantasien merkwürdiger Drehbuchautoren. Sie setzen sich an ihre Schreibmaschine und tippen, wie sie sich ihr (Sex)Leben wünschen.

Ein „authentischer“ Porno wäre auch sterbenslangweilig und würde niemanden interessieren.

Porno am Nachmittag

Jeden Tag von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr liefert der Bertelsmannsender RTL jugendfreie Pornos frei Haus. Da echte Pornos um diese Zeit für Ärger sorgen würden,beschränkt sich das Privatfernsehen auf die Ausstrahlung von Sozialpornos.

Merkwürdige Drehbuchautoren mit eingeBILDeter Realität erfinden sogenannte „DokuSoaps“.

Das sind künstliche Pseudo-Dokumentationen, welche in einer Art und Weise gedreht werden, welche den gezielten Eindruck erwecken soll, es würde „das wahre Leben“ dokumentarisch beobachtet.

Die Schauspieler werden so geschminkt und hergerichtet, wie sich der typische „Mehr-Netto-vom-Brutto!“-Wähler einen HarztIV-Empfänger vorstellt.

Die Schauspieler liefert eine Casting-Agentur, die für eine „Aufwandsentschädigung“ (ist beim Alg2 anrechnungsfrei) HartzIV-Empfänger anheuert, welche vorzugsweise über eine Pisa-Bildung und einen sehr übersichtlichen Wortschatz und Satzbau verfügen sollen.

Für ein kleines Taschengeld eine kleine Aufwandsentschädigung schauspielern sie dann, was das Drehbuch vorschreibt. Der zuständige Dramaturg lässt dann die Kamera etwas wackeln und durch Türspalte oder Schlüssellöcher hindurchschauen. Der zuständige Tonmeister achtet dann darauf, an welchen Stellen des Drehbuches ein „Piiieeeep“ eingefügt werden soll.

RTL nennt diese angeblichen Dokus „Mitten im Leben!„, „Verdachtsfälle“ und „Familien im Brennpunkt„. Erst ganz am Schluss erfährt der Zuschauer für eine Viertelsekunde, dass es sich um „fiktive Handlungen fiktiver Personen“ handelt. Also um reines Fernsehtheater…früher auch „Fernsehspiel“ genannt.

Aber ob die RTL-Zuschauer diese eingeblendete Zeile überhaupt bemerken und damit etwas anzufangen wissen…ich habe da große Zweifel.

In meinem Bekanntenkreis werden diese Shows übrigens auch „Hartz-TV“ genannt.

In der ZEIT hat man sich auch mit diesen Sozialpornos befasst und erklärt sie mit einem „gesteigerten Realitätshunger“ der Zuschauer.

Angeblich würden solche „Dokusoaps“ deshalb so erfolgreich sein, weil:

In Zeiten der Medialisierung aller Bereiche der Gesellschaft wachse beim Publikum ein enormes Bedürfnis nach Authentizität.

Es wird also allen Ernstes behauptet, diese Shows seien „realistisch, allerdings für die Einschaltquoten etwas übertrieben inszeniert“.

Vorurteile und Voyeure

Rein zufällig (wie könnte es auch anders sein im Bertelsmann-TV?) folgen diese „Dokusoaps“ den allgemeinen Sozialschmarotzer-Kampagnen von Politik und Medien.

Die heutigen Hartz-Pornos am RTL-Nachmittag laufen in dieser Form seit August 2009. Also (wieder rein zufällig) seit Beginn des letzten Bundestagswahlkampfes.

Im Zentrum stand von Anfang an nie die Realität, sondern die BILDhafte Darstellung des „typischen Sozialschmarotzers“, welcher in dieser Form allerdings nur in den kranken Schrumpfhirnen von Leuten wie Wolfgang Clement, Thilo Sarrazin, Hans-Werner UnSinn oder auch dem spätrömisch-dekadenten Guido W. existiert.

Das Ziel ist offenkundig: Man will die jahrelang hergestellten Vorurteile und Meinungen über Arbeitslose mit künstlichem Bildmaterial verstärken und so zur allgemeinen „Tatsachen-Beobachtung“ machen.

Wenn dann die BILD mal wieder den Arno dübelt und wochenlang erzählt, wie hinterhältig, faul und abzockend der HartzIV-Empfänger doch ist, kann der Zuschauer jederzeit sagen:“Das ist wirklich so! Das habe ich im Fernsehen gesehen!

Auf die Idee gebracht wurden die „Reality-Doku“-Erfinder übrigens von Wolfgang Clement.

Im Frühjahr 2006 tauchte der Ex-„Superminister“ mit einer Hetzschrift über „Sozialschmarotzer und Sozialstaatsparasiten“ auf. Darin begründete er seinen Hass auf die Schwachen mit „persönlichen Beobachtungen“ einer vorher ausgestrahlten ZDF-„Doku“.

Das war der Teil des deutschen Fernseh“journalismus“ mit der „Kuhle im Bett“ und der „gebrauchten Zweitzahnbürste im Bad“.

Der ZDF-Erfolg war beispiellos. Alle hielten diese „Doku“ für echt und niemand kam auf die Idee, dass die Macher vielleicht monatelang tausende HartzIV-Empfänger mit den „Sozialfahndern“ aufsuchen mussten, nur um eine Handvoll „typischer Beispiele“ zu sammeln.

Niemand fragte danach, ob nicht evtl etwas „nachgeholfen“ wurde oder was mit dem Rohmaterial am Schneidetisch gemacht wurde.

Bertelsmann-RTL war der Aufwand anscheinend zu groß…weshalb man pünktlich zur nächsten Bundestagswahl dazu überging, die „HartzIV-Realität“ ganz einfach selbst zu erfinden.

Da muss man sich auch nicht mehr darüber wundern, weshalb allerorten die Laien-Gutscheine so gelobt werden „damit das Geld auch bei den Kindern ankommt!

Auch der Hype „Bildung Bildung über alles“ wird plötzlich erklärbar, wenn man sich die Drehbuchtexte, die Wortwahl und Artikulation der HartzIV-Darsteller anhört. Dagegen war Slatko (hieß der so?) das reinste Sprachgenie…gleich nach Goethe und Schiller!

Natürlich darf in den tageweise angemieteten Dreh-Wohnungen keinesfalls ein übergroßer Fernseher samt Chipstüten, Bierflaschen und übervollem Aschenbecher fehlen.

Es wäre wirklich absurd und realitätsfern, einen nichtrauchenden, nichttrinkenden altfernseherbesitzenden HartzIV-Sozialschmarotzer zu zeigen,welcher mit seinen Kindern im Hof spielt oder mit ihnen im Stadtpark Kastanien zum Basteln sammelt.

Wer solche Fantasiegestalten zeigt, verschafft „bürgerlich-liberalen“ Koalitionen schließlich keine Wählerstimmen….

Drehbuch-Controller bei „Betrugsfälle“

RTL-Niveau: Diese „Realitäts-Darstellerin“ hält tatsächlich ein Papp-Band in die Kamera!

Der Praktikant für die Schrift-Einblendungen war wohl gerade nicht da…. 😀