Zahlen und Fakten

Immer mehr Menschen leben in Armut

So titelt BILD in einem Artikel über die aktuelle DIW-Armutsstudie.

Aber BILD wäre nicht BILD und das DIW nicht das DIW, wenn Berichterstattung und Zahlen etwas mit Fakten und Realität zu tun hätten.

Danach sind bereits 14 Prozent der Bevölkerung gefährdet, vor allem kinderreiche Familien und junge Leute.

Soso… 14 % der Bevölkerung sind also „armuts-gefährdet“?

Fakt ist: Das DIW hat lediglich die Armen gezählt, welche wirtschaftsabhängig sind: also Arbeitnehmer, Geringverdiener, Tagelöhner etc.

Nicht gezählt wurden die Empfänger staatlicher Sozialleistungen.

Wenn wir also von etwa 8 Mio offiziell und inoffiziell gezählten Sozialfällen ausgehen, entspräche das einem Bevölkerungsanteil von etwa 10%.

Damit kämen wir auf eine Armutsquote von 14% + 10% = 24%.

Hinzugezählt werden müssen noch die Armutsrentner, welche nach einem langen Arbeitsleben zu stolz sind, um beim Sozialamt die Aufstockung mit Hilfe der Grundsicherung zu erbetteln.

Schätzungsweise nochmal 5Mio von 20Mio Rentnern.

Somit ergäbe sich ein Anteil von mehr als 34% der deutschen Bevölkerung, welcher in Armut lebt.

Nach EU-Norm mit weniger als 60% des mittleren Einkommens.

Dieses „mittlere Einkommen“ entsprach vergangenem Jahr 2575 € brutto.

Damit gilt als arm, wer in Deutschland weniger als 1545€ pro Monat vor Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen hat.

Und was sagt das DIW dazu?

Dies sei ein beträchtlicher Zuwachs gegenüber 1998 – „und das, obwohl der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze und das Elterngeld diese Entwicklung bereits entlastet haben“.

Na klar doch. Als ob Kindergartenplätze und das Elterngeld für Reiche etwas an der Einkommensarmut ändern könnten.

Beachtlich die Frechheit, das Elterngeld auch noch zu erwähnen! Ausgerechnet den Armen wurde mit dem Elterngeld das ehemalige „Erziehungsgeld“ um mehr als 50% gekürzt.

„Höhere Hartz-IV-Sätze reduzieren zwar Einkommensdefizite“, erklärte Markus Grabka, einer der Autoren der DIW-Studie. „Sinnvoller erschienen aber Investitionen in Kinderbetreuung und in verbesserte Erwerbschancen für Alleinerziehende und Familien mit jungen Kindern.“

Hehe...“verbesserte Erwerbschancen“! Noch hohler und leerer geht es wohl nicht?

Wie wäre es mit bezahlten Arbeitsplätzen anstatt mehrdeutig interpretierbarer „Erwerbschancen“?

Während der überaus erfolgreichen HartzIV-Ära stieg der Armutsanteil in der Bevölkerung damit um mehr als ein Drittel.

Ursache der flächendeckenden Verarmung: massive Kürzungen bei den Sozialleistungen, Ausdehnung und Deregulierung des Niedriglohnsektors und der Leiharbeit sowie die mit den Riester-Gesetzen beschlossenen Rentenkürzungen.

Aber diese Tatsachen sucht man in BILD vergebens…

Natürlich nutzt BILD auch hier wieder die Gelegenheit, um noch ein paar Paniksätze zur „Altersarmut“ einzuflechten. Schließlich ist man seinem „Werbepartner“ Allianz AG mit seiner „Volks-Rente“ ja auch irgendwie verpflichtet…

Der Bundesverband der Deutschen Banken fordert von der Regierung Weichenstellungen gegen eine zu befürchtende wachsende Altersarmut.

Schon heute mache die gesetzliche Rente durchschnittlich kaum mehr als 60 Prozent des Gesamteinkommens der Rentnerhaushalte aus, und die Quote werde weiter sinken, sagte Geschäftsführer Bernd Brabänder bei der Vorstellung der Studie „Risiko Altersarmut“ in Berlin.

Nicht erwähnt von BILD und dem Lobbyverband der Banken:

Diese Rentenkürzungen wurden von Rürup und Riester per Gesetz vorgesehen, um Banken und Versicherungskonzernen das Milliardengeschäft „private Altersvorsorge“ erst zu ermöglichen.

Die Schröder-Regierung des „nicht unabhängigen Finanzdienstleisters AWD“ hat übrigens eine gesetzliche Reduzierung der Renten auf weniger als 47% des durchschnittlichen Nettoeinkommens beschlossen.

Aber was erklären die Banken?

Die Gesetzliche Rentenversicherung mit ihrer demografisch bedingten Schieflage werde die Herausforderung Altersarmut voraussichtlich nicht bestehen.

Jaja…da isse ja wieder, die „demografische Schieflage“ als „Herausforderung“.

Fakt ist: Allein beim Familienbetrieb „VW-Konzern“ wird es in den nächsten 4 Jahren eine Steigerung der Produktivität um zusätzlich 10% pro Jahr(!) geben.

Allerdings unbezahlt. Die „Bezahlung“ erfolgt ersatzweise als „Arbeitsplatzgarantie“.

Dummerweise sind die Rentenkassen von bezahlter Arbeit abhängig und haben nichts von unbezahlter Mehrleistung. Ganz im Unterschied zu den Familien Porsche und Piech als VW-Eigentümer von Adolfs Gnaden seit 1938.

Fakt: Wir haben keine „demografische Schieflage“, sondern eine extreme Schieflage bei der Verteilung von Gewinnen und Produktivität.

Wenn die Produktivität bei gleichen Lohnkosten um über 40% in 4 Jahren ansteigt…wer soll eigentlich die vielen zusätzlich hergestellten Autos kaufen?

Müsste es dazu nicht auch zusätzliche Kaufkraft geben?

(nur mal so gefragt…)

631 Euro Alg2

Dipl.-Kaufm. Rüdiger Böker ist Mitglied des Deutschen Sozialgerichtstages e.V. und einer der Kläger-Gutachter im HartzIV-Prozess.

(komisch…bei „HartzIV-Prozess“ weiß seit dem 9. Februar jeder, was gemeint ist)

Nach Auswertung des Urteils und der darin aufgeführten Kritikpunkte hat er den HartzIV-Regelsatz auf Grundlage der Einkommens- und Verbraucherstichprobe von 2003 (!) neu berechnet.

(ich musste die Tabelle etwas schmaler machen)

Es kann als ausgeschlossen gelten, dass diese Tabelle jemals von BILD, WELT, Focus o.a. Kapitalmedien offiziell zur Kenntnis genommen wird.

War sonst noch was?

Banken fordern Pflicht zur privaten Altersvorsorge (WELT)

Auch Westerwelle forderte schon vor der Wahl einen Wechsel „von der Pflicht zur gesetzlichen Versicherung“ hin zur „gesetzlichen Pflicht zur Versicherung„.

Naja…Banken und vor allem Versicherungen gehören auch zu den FDP-Kunden.

Laut einer Studie ist die Angst vor dem sozialen Absturz aus der Mittelschicht unbegründet (n-tv)

Auf deutsch: FDP- und CDU-Wähler brauchen keine Angst vor HartzIV zu haben. Stattdessen können sie sich über „Mehr Netto vom Brutto“ bei den bevorstehenden Alg2-Kürzungen freuen:

Liberale wollen Regelsätze bei Hartz IV kürzen (Welt)

In der FDP-Bundestagsfraktion gibt es derweil Überlegungen, die Hartz-Regelsätze im Zuge der vom Verfassungsgericht geforderten Neuberechnung zu kürzen.

FDP-Wirtschaftspolitiker Martin Lindner:

Man wolle „Aufstockern ermöglichen, mehr hinzuzuverdienen. Dabei wird auch darüber zu sprechen sein, ob man nicht im Gegenzug die Regelsätze absenken muss, damit Vollbeschäftigte besser dastehen als Teilzeitjobber“

Wenn man doch mal alle Einkommen mit dem Alg2 vergleichen würde…

Der Spiegel gräbt eine OECD-Studie aus um zu „beweisen“, dass die ansteigende Armut in Deutschland durch die sog. „Lohnnebenkosten“ und „zu geringen Arbeitsanreize“ hervorgerufen wird:

Auffällig ist der Untersuchung zufolge, dass Langzeitarbeitslose in Deutschland trotz Hartz-Reformen vergleichsweise wenig finanzielle Anreize haben, eine gering bezahlte existenzsichernde Beschäftigung anzunehmen.

Das Problem: Schon bei einem geringen Verdienst würden für sie relativ hohe Steuern und Sozialbeiträge fällig.

Woher kommt eigentlich die Behauptung, eine „gering bezahlte Beschäftigung“ wäre in Deutschland „existenzsichernd“?

Das Problem ist wohl doch eher der geringe Verdienst selbst und weniger irgendwelche „relativ hohen Steuern und Sozialbeiträge“.

Wieviele Geringverdiener kommen denn überhaupt über den Steuerfreibetrag? Sind sie dann noch „Geringverdiener“?

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