Archiv für Februar 2010

Zukunft der Arbeit

24. Februar 2010

Die „dringend notwendige Sozialstaatsdebatte“ der Reichen und Mächtigen ist immer noch in vollem Gange.

In der deutschen Wirtschaft und ihren Medien herrscht die Befürchtung, eine „Reform der Reform“ könnte zu einer Erhöhung der Regelsätze und damit zu einem Ende des ungehemmten Lohndumpings in Deutschland führen.

Gemäß den kapitalistischen Verwertungsideologien konzentriert man sich dabei auf 2 Punkte:

  • „Arbeit muss sich wieder lohnen“ als Floskel für ein „Lohnabstandsgebot“ zwischen HartzIV-Empfängern und Tagelöhnern
  • „Keine Leistung ohne Gegenleistung“ als Floskel zur Wiedereinführung des „sozialen“ Reichsarbeitsdienstes

Prinzip von Leistung und Gegenleistung

Das marktradikale und arbeitgeberfinanzierte „Institut zur Zukunft der Arbeit“ (das sind die mit der Idee der Arbeitslosen-Versteigerung) hat dazu ein hochwissenschaftliches „Forschungsexperiment“ durchgeführt:

Drei Studenten sitzen in einem Raum und sortieren Blätter. Dafür bekommen sie sechs Euro die Stunde. Plötzlich kommt der Chef herein und verkündet, dass er einen feuern muss. Damit der Entlassene über die Runden kommt, sollen die anderen beiden einen Teil ihres Lohns an ihn abtreten. Dafür dürfen sie aber entscheiden, ob er das Geld ohne weitere Gegenleistung erhält, oder ob er ein bisschen unterstützen muss beim Blättersortieren. Alle drei Studenten votieren für die Mithilfe. Begründung: „Weil das gerecht ist.“

„Diese logische Denkweise ist in unserem sozialen Sicherungssystem abhanden gekommen“, sagt der Direktor für Arbeitsmarktpolitik am IZA, Hilmar Schneider. (Focus)

Tolle Logik: Die Wirtschaft entlässt ein Drittel der Arbeitnehmer und als „Gegenleistung“ für ihre Arbeitslosenunterstützung dürfen sie an ihrem alten Arbeitsplatz zum Nulltarif (für die Arbeitgeber) weiter arbeiten.

Und der Rest der Belegschaft finanziert das Ganze über „Lohnsharing“.

Und weil der Arbeitgeber zukünftig für ein Drittel seiner Belegschaft keinerlei „Lohnkosten“ mehr hat, ist das Ganze natürlich „fair“ und „sozial gerecht„.

Der Arbeitslosen-Versteigerer Hilmar Schneider (IZA-Direktor) sagt dazu:

„Was uns im Studentenexperiment noch als fair erscheint, gilt in der Debatte um Langzeitarbeitslose und Hartz IV nicht mehr.“

Das passt dann natürlich wieder zu Roland Kochs Vorschlag, Arbeitslosenhilfe regulär an den Fließbändern der Kapitalbesitzer „abarbeiten“ zu lassen.

Das ist für den „Focus“ der FDP natürlich eine willkommen Vorlage, um die braune Suppe seines Helden Westerwelle am köcheln zu halten:

Genau darin liegt wohl auch die Brisanz der Äußerungen von Guido Westerwelle. Westerwelles Forderung, sich wieder verstärkt auf das Prinzip Leistung und Gegenleistung zu besinnen, ist der Aufreger der Nation.

Dann liefert der Focus noch das bekannte Westerwelle-Beispiel „Schnee schippen“ und lässt den IZA-Direktor ganz nach DIW-Vorbild darüber klagen, das zu wenig Sanktionen gegen „Arbeitsunwillige“ verhängt würden und das es im Internet angeblich Anleitungen zum Widerstand gäbe.

Danach folgen die unweigerlichen Zahlenspielereien fernab der Realität:

Ein alleinstehender ALG-II-Empfänger ohne Arbeit erhält ein Transfereinkommen von rund 650 Euro monatlich. Unterstellt man einen – für Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Langzeitarbeitslose mit entwerteten Qualifikationen hohen – Bruttostundenlohn von 7 Euro, läge das Nettoeinkommen bei Vollzeittätigkeit um 900 Euro. Wegen des entfallenden Transferanspruchs beträgt der effektive Stundenlohn also weniger als 1,50 Euro. Die wenigsten dürften bereits sein, zu diesem Lohnsatz zu arbeiten.

Ganz selbstverständlich wird also hingenommen und unterstellt, das unter HartzIV berufliche Qualifikationen per Gesetz neutralisiert werden und das es für Vollzeitjobs einen Stundenlohn von max. 7 Euro geben muss.

Diese Zahlen stützen Westerwelle in seiner Kritik.

Achja? Wenn das der Wahrheit entsprechen würde…warum gibt es dann in der Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ inzwischen über 1.000.000 Menschen als „Aufstocker“, welche für weitaus weniger als das Alg2 oder 7 Euro/Stunde die Profite der Vermögenssteuer-Befreiten erarbeiten?

Es gehe um ein Umdenken in der Bevölkerung. Nicht umsonst sei die große Hartz-Reform von einer SPD-Regierung angestoßen worden. „Derartige Einschnitte können nur mit dem Vertrauen der Arbeitnehmerschaft bewältigt werden.“

So langsam scheint es der herrschenden Klasse zu dämmern, das der 2005 erfolgte Austausch des „sozialdemokratischen Reformers“ Schröder gegen die aussitzende Merkel doch keine gute Idee war.

Wenn Westerwelle mit seiner „Sozialstaatsdebatte“ den „sozial gerechten“ Arbeitsdienst in den Fabriken seiner Parteispender fordert, steht groß auf seiner Stirn „Ich bin ein Wirtschafts-Lobbyist“.

Bei Schröder hat man jahrelang behauptet, er sein ein „Sozialdemokrat“ und „Anwalt der Arbeiter und der Mitte“.

Viele Menschen sind auf diese Propaganda hereingefallen, genauso wie damals: 1933.

Schnee schippen

In Berlin hat man im Gegensatz zum IZA des Steuervermeiders Zumwinkel ein anderes Experiment gewagt. Am Berliner Experiment nahmen allerdings keine 3 BWL-Studenten teil, sondern 25.000 (!) arbeitslose HartzIV-Opfer.

Die Fragestellung lautete:

Wieviele HartzIV-Faulpelze melden sich zum Schneeschippen, wenn man ihnen statt 6 Euro (1-Euro-Job) 50 Euro pro Tag anbietet?

Ergebnis: Die Telefonzentrale brach zusammen und man stand plötzlich vor der Frage, wo man eigentlich 25.000 Schneeschieber und Straßenbesen herbekommen solle.

Dabei hätten diese 25.000 faulen Sozialschmarotzer eh nur 2 Tage arbeiten dürfen wegen der Einkommenanrechnung des SGB II…

Am Ende haben 650 von 25.000 „Bewerbern“ diesen Winterjob gekriegt.

Das entspricht einer Quote von 38,5 HartzIV-Faulenzern pro Job.

Und Focus -Online fragt:

Hat Westerwelle also doch recht mit seiner Behauptung, wer „dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein“?

Nein!

Im alten Rom mussten die Herren noch selbst Geld ausgeben beim Kauf von Sklaven und für ihre „Lebenserhaltung“.

Heute fordern die Herren, die bereits vorhandenen Sklaven sollen per „Lohnverzicht“ den Ankauf neuer Sklaven doch bitte selbst finanzieren.

Im oben genannten „IZA-Experiment“ ging es ja nicht um „gesellschaftliche Arbeit“, sondern um Arbeit zu Gunsten des Chefs als Gegenleistung für die „Stütze“, welche von den anderen Studenten zu bezahlen war.

Neue Soziale Marktwirtschaft

Die Arbeitnehmer bezahlen „ihre“ Sozialsysteme aus eigener Tasche und die Kapitalisten empfangen die „Gegenleistung“.