Nachruf

Graf Otto Lambsdorff ist tot.

Mit dem großen Führer der sog. „Freien Demokraten“ konnte der blaublütige Adel des Mittelalters einen festen Platz im „modernen Bürgertum“ finden.

Er hat es immer sehr bedauert, als Adliger seinen Titel zwischen Vor- und Nachnamen einfügen zu müssen. Graf Otto Lambsdorff betrachtete diese Einschränkung als „Herabwürdigung des international geachteten deutschen Adels“.

Der Graf machte nie einen Hehl aus seiner neofeudalen Ideologie, nach der der Wert eines Menschen ausschließlich an seinen Besitztümern zu ermessen ist.

In den 70er Jahren (des letzten, nicht des vorletzten Jahrhunderts) war der Graf Wirtschaftsminister einer sozial-liberalen Regierung.

Im Jahr 1982 erfand er den „demokratischen“ Wortbruch Wechsel und verhalf einer korrupten und demokratieverachtenden CDU/FDP-Koalition zur Macht.

Allerdings überschätzte er die neue „Freiheit“ und verschwieg dem Finanzamt die vom Flick-Konzern gezahlten Bestechungsgelder Parteispenden.

Die von linksextremen Kommunisten unterwanderte Justiz zeigte allerdings kein Verständnis für liberale Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaftsmacht und verurteilte das Opfer antiliberaler Gesinnung wegen Steuerhinterziehung.

Mit dem eigenen Namen im Register verurteilter Straftäter begann eine vorbildliche Karriere in der FDP sowie der mit dieser demokratischen Partei verbundenen Lobby- und Mafiaverbände.

Er blieb wegen seiner Vorbildfunktion in der Kohl-Genscher-Regierung dann auch Wirtschaftsminister.

Noch vor der Übertragung der DDR in das Eigentum westdeutscher Wirtschaftsbesitzer und ihrer Politiker organisierte Graf Lambsdorff den „Beitritt“ der LDPD der DDR zur FDP der BRD.

Dies geschah im August 1990. Mit diesem rechtsstaatlichem Beitritt im ehemaligen Unrechtsstaat konnte eine Überprüfung der neuen FDP-Mitglieder auf Systemnähe und Stasiaktivitäten während ihrer Regierungsbeteiligung kommunistischen Unterdrückung in der DDR dauerhaft verhindert werden.

Das betraf zum Glück auch zahlreiche LDPD-Funktionäre in Volkskammer, Staatsrat und in den Räten auf Bezirks- und Kreisebene.

Graf Lambsdorff konnte seine politischen Aktivitäten auch nach der Abwahl der Kohl-Regierung im Jahr 1998 fortsetzen.

Um die Interessen der deutschen Banken und Konzerne auch weiterhin kompromisslos vertreten zu können, ließ er sich vom Neuen Sozialen Demokraten Gerhard Schröder zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung zur Organisation der Entschädigungen von NS-Zwangsarbeitern ernennen.

Er vertrat die Interessen der Besitzenden vorbildlich, als er den Entschädigungsfond nicht nur auf ein gerade noch vertretbares Maß reduzierte, sondern auch noch kaum erfüllbare Nachweisbedingungen erfand. So konnte durch kapitalverträgliches Frühableben während der Antragstellung ein großer Kapitaltransfer aus deutschen Konzernkassen an osteuropäische Zwangsarbeiter verhindert werden.

Für seinen vorbildlichen Einsatz zum Wohle der Kapitalbesitzer und ihrer Profite erhielt Graf Otto Lambsdorff das Großkreuz des Bundesverdienstordens.

Der Graf und die Agenda2010

Unmittelbar nach dem Wortbruch der FDP im Jahr 1982 veröffentlichte Graf Otto Lambsdorff ein „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“.

Bekannt wurde diese Hass- und Hetzschrift gegen Demokratie und Sozialstaat unter der Bezeichnung „Lambsdorff-Papier“ (lambsdorffpapier als pdf)

Einer der Autoren dieses „Konzeptes“ war Hans Tietmeyer, welcher heute im Vorstand des Kuratoriums der neofaschistischen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) sitzt.

Auch ein gewisser Horst Köhler war als Gastautor zusammen mit seinem damaligen Chef Eduard Pietsch an diesem „Lambsdorff-Papier“ beteiligt.

Bereits 1982 forderte Graf Lambsdorff umfangreiche „Reformen“ im Bereich der Steuerpolitik, der Gesundheitspolitik und natürlich bei der Arbeitsmarktpolitik.

Allerdings musste er feststellen, dass seine Vorschläge selbst der Kohl-CDU angesichts der damaligen Disziplinierung durch die RAF zu radikal waren.

Erst 20 Jahre später hatten sich die Machtverhältnisse nach Unterwerfung und Kolonialisierung Ostdeutschlands sowie der Selbstauflösung der RAF für die Kapitalbesitzer soweit stabilisiert, dass sie das „Lambsdorff-Papier“ unter der Bezeichnung „Agenda2010“ in die reale Politik überführen konnten.

Das Ergebnis ist bekannt:

Es kam zu neuen Wortschöpfungen wie „Kinderarmut“, „Altersarmut“, „Zuzahlung“, „private Altersvorsorge“, „prekäre Beschäftigung“, „Armutslöhne“ usw.

Die erste Ausgabe der Agenda2010 unter der Bezeichnung „Lambsdorff-Papier“ entstand 1982.

Zu einer Zeit, als Begriffe wie „demografisches Problem“ oder „Globalisierung“ noch nicht erfunden waren. 😉

2 Freunde der Neuen Sozialen Marktwirtschaft

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11 Kommentare - “Nachruf”

  1. geheimraetin Says:

    exelent ware lüge, war doch ein genialer coup der agenda-thechnokraten, das lambsdorff papier den sozen unterszuschieben, so konnte man seine ziele auf ganz „sozialdemokratische“ weise umsetzen und sich gleichzeitig der lästigen opposition entledigen. ahoi und wasser marsch kameraden!


  2. […] Warum man diesen Mann nicht vermissen braucht, haben heute zwei Blogs etwas genauer herausgearbeitet, Fefe (kurz und witzig) und Ware: Lüge (fundiert und detailliert). […]

  3. Pit Says:

    Sollte man sich in Anbetracht der Weihnachtsnähe nicht einfach zurück lehnen und dieses freudige Ereignis genießen?

  4. My 0,02 Euro Says:

    Großartig!!!

    Weiter so. Bin Stammleser deines Blogs!


  5. […] Zeit, dass das mal einen ein wenig zurecht rückt. Gespeichert unter Politik Tagged Neoliberalismus Kommentare (RSS) […]

  6. Flickwerk Says:

    […] Hier mal ein lesenswerter Nachruf. […]


  7. *hüstel* Der Kommentar mit der RAF ist dann doch etwas deplatziert, finde ich.

  8. wareluege Says:

    Von der Auflösung der RAF bis zur Wiederbelebung des Lambsdorff-Papier durch Schröder und Blair dauerte es gerade einmal ein Jahr.
    Dann hieß das Ding „Agenda2010“.
    Die RAF hatte viel mehr Wirkung als die Kapitalisten und ihre Handlanger jemals zugeben werden.

  9. landbewohner Says:

    wunderbarer nachruf für einen erzhalunken


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