Wörter zum Sonntag

Das kommunistische Manifest

http://art-bin.com/art/omanif.html

veröffentlicht vor 161 Jahren in London (1848)

Ihr entsetzt euch darüber, dass wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, dass es für neun Zehntel nicht existiert.

Ihr werft uns also vor, dass wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.

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Man hat uns eingewendet, mit der Aufhebung des Privateigentums werde alle Tätigkeit aufhören und eine allgemeine Faulheit einreissen.

Hiernach müsste die bürgerliche Gesellschaft längst an der Trägheit zugrunde gegangen sein; denn die in ihr arbeiten, erwerben nicht, und die in ihr erwerben, arbeiten nicht.

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Wie für den Bourgeois das Aufhören des Klasseneigentums das Aufhören der Produktion selbst ist, so ist für ihn das Aufhören der Klassenbildung identisch mit dem Aufhören der Bildung überhaupt.

Die Bildung, deren Verlust er damit bedauert, ist für die enorme Mehrzahl die Heranbildung zur Maschine.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

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Wie ich heute darauf komme? Warum mir heute das Kommunistische Manifest so wichtig ist?

Der letzte Satz hat es mir angetan. Marx und Engels rufen zur Vereinigung auf. Zur Vereinigung der Besitzlosen.

Wir befinden uns gerade in einer Zeit des medialen und politischen Jubels zum 20. Jahrestag einer Vereinigung. Der Vereinigung eines Kapitalisten-Staates mit einem Arbeiter- und Bauern-Staat durch Umwandlung einer besitzenden ostdeutschen Bevölkerung in eine besitzlose gesamtdeutsche Bevölkerung.

Warum fordert Marx 1848 die Vereinigung des Proletariats?

Schon vor über 160 Jahren bestand ein grundlegendes Interesse des Kapitals darin, die Klasse des Proletariats in möglichst kleine, gegeneinander aufgehetzte Grüppchen zu spalten.

Dass es sich hierbei um ein grundlegendes Interesse handelt, erkennt man an der bis heute andauernden Gültigkeit. (puhhh…Kurve zur Moderne noch gekriegt)

Wie sieht diese Grüppchenbildung heute aus?

Man unterscheidet Angestellte und Arbeitnehmer. Man unterschiedet „Arbeitnehmer mit Job“ von „Arbeitnehmern ohne Job“. Man unterscheidet die Wähler von Kapitalistenparteien („Bürger“, „bürgerliche“) von anderen Wählern.

Man unterschiedet zwischen „Bildungsbürgern“ und „Bildungsfernen“. Man unterschiedet „Steuerzahler“ von „Transferempfängern“.

Man unterscheidet zwischen „gut“ und „böse“. Die Guten erkennt man ausschließlich an ihrem Kontostand: Sie sind „Bildungsbürger“, „Steuerzahler“, „bürgerliche Wähler“ usw.

Alle anderen sind „Unterschicht“.

Aber zum Glück hat der Herr Westerwelle den Klassenkampf schon 2003 beendet.

Also Schwamm drüber…schließlich sitzen Kapitalisten und ihre Lohnarbeiter auf dem gemeinsamen Traumschiff „Sozialpartner“.

Wo wollte ich eigentlich hin?

Achja…die Vereinigung des Proletariats. Die Vereinigung des Proletariats setzt erstmal eine vorherige Spaltung voraus. Statt „Spaltung“ sagt man heute allerdings „Teilung“, welche bekanntlich auch zwischen Ost und West existiert hat.

Heute (und morgen und übermorgen und gestern auch) feiern wir den „20. Jahrestag der Überwindung der Teilung Deutschlands“.

Jubel! Freude! Götterfunken!

Aber kann das im Interesse der immer noch herrschenden Klasse der Kapitalbesitzer sein? Das Ost- und West-Proletarier sich vereinigen?

Natürlich nicht!

Also arbeitet man auch weiterhin aktiv an Spaltung und Teilung der nicht-besitzenden Bevölkerung. Zum Glück kann man nun seit 20 Jahren auch noch in „Ossi“ und „Wessi“ spalten, was die Möglichkeiten der Macht des Kapitals noch erweitert.

Brandenburg

In Brandenburg wurde gewählt. Der dumme Ossi hat allerdings nicht den „Bürger-Parteien“ CDU und FDP zur Macht verholfen, sondern den Hilfstruppen der „SPD“ sowie dem Klassenfeind „Linke“.

Was für ein Skandal!

Nachdem in Brandenburg ein scheinrot-roter Koalitionsvertrag unterzeichnet worden ist, spuckten Kapitalisten, ihre Medien und Politiker Gift und Galle. Demokratie ist eben nur dann akzeptabel, wenn sie der Mehrung des Profites dient…

verlierer_platzek

In BILD wird Platzek zum „Verlierer des Tages“ ernannt und die Kapitalistenverbände erklären einstimmig, nun würde Brandenburg von den Wölfen gefressen (in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben, sagt Rainald Grebe) und die Kapitalisten würden nun fluchtartig Brandenburg verlassen, weil dort ab sofort die Stasi regieren würde.

Auch der Focus lässt die Stasi in Brandenburg die Macht übernehmen.

Die Kapitalisten-CDU wurde vom Thron gestoßen und ist nun verständlicherweise sauer.

Das ist dem Focus doch glatt die Schlagzeile „Weiter Kritik an Rot-Rot“ wert. Ein gewisser Unionfraktionschef Kauder empfindet die Tatsache der Entmachtung seiner rechtspopulistischen Freunde doch glatt als „unerträgliche Zumutung„.

Er entdeckt eine „überschrittene demokratische Schamgrenze“ in Brandenburg, welche es im CDU-regierten BaWü nicht gab, als man dort dem Nazi Filbiger posthum die verbale Tapferkeitsmedaille eines „Widerstandskämpfers“ an die kalte Brust heftete.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière kritisierte in der „Bild am Sonntag“ das Bündnis als nachträglichen Ritterschlag für Ex-Stasi-Leute.

Na? Fällt was auf? Da fehlt das obligatorische (CDU) hinter seinem Namen. Man muss die Parteizugehörigkeit nicht erwähnen, wenn es sich um einen Vertreter DER Volkspartei handelt!

Liebe Wessis…so merket euch: Im Osten regiert wieder die Stasi, der Kommunismus steht vor der Tür und „Stalins Erben“ sind ganz dolle böse Undemokraten! Und mit unbürgerlichen Ossis (die waren alle in der SED und bei der Stasi!!1!1!!) will man doch nichts zu tun haben, nicht wahr?

Selbst die Gebote Gottes „Vergib deinem Nächsten…“ gelten für Ossis nicht, wie der evangelische Oberpriester Wolfgang Huber klarstellt:

Er glaubt nicht, dass die Regierung eine Versöhnung mit alten SED-Kadern und Stasi-belasteten Politikern bewirkt.

Steuerzahler und Transferempfänger

Bekanntlich hat sich der Springer-Konzern schon seit dem Tag seiner Gründung der „Deutschen Einheit“ verschrieben und verpflichtet.

Pünktlich zum 20. Jahrestag selbiger „Einheit“ präsentiert die WELT nun die Einheits-Rechnung:

Seit Mauerfall flossen 1,3 Billionen Euro gen Osten

Seit Anfang 1990 sind netto rund 1,3 Billionen Euro Transferleistungen vom Westen in den Osten geflossen. Das geht aus einer unveröffentlichten Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle hervor, die der „Welt am Sonntag“ vorliegt.

Nanu? Der WELT liegt eine unveröffentlichte Studie vor? Das „Institut für Wirtschaftforchung in Halle (Danke, Herr Blum) liefert dem Springer-Konzern eine Studie zur „Nicht-Veröffentlichung“? Autsch!

Für diese 15 Jahre (1990-2005) kommen die Experten auf einen Nettobetrag von 1,03 Billionen Euro, der von West nach Ost floss.

„Netto“ bedeutet dabei: Von den Ausgaben des Bundes und der Sozialversicherung für Ostdeutschland wurden die Steuer- und Beitragseinnahmen, die im Osten erzielt wurden, abgezogen.

Boah! Gieriges Ossi-Pack! Zu faul zum arbeiten (auch hier wieder: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei 71 Prozent des westdeutschen Wertes) und dann auch noch wertvolle westdeutsche Gelder in Höhe von mehr als 1 Billion Euro abzocken!

Naja…irgendwie muss man den eingeschlafenen Wessi-Ossi-Konflikt ja wieder anheizen, nicht wahr, lieber Springer-Konzern?

2005 lag die westdeutsche Unterstützung für jeden Ostdeutschen bei rund 4666 Euro.

Ich male mir meine Welt, so wie sie mir gefällt…

Kein Wort darüber, wie Finanzstaatssekretär Horst Köhler 1990 die „DDR-Altschulden“ erfunden hat, kein Wort darüber, dass Güter, Immoblien, Grund & Boden im Wert von mehreren hundert Milliarden Euro für eine symbolische D-Mark an westdeutsche „Investoren“ durch die Treuhand privatisiert wurden, kein Wort darüber, dass der Sold ostdeutscher Bundeswehrsoldaten auch heute noch als „Aufbau Ost“ verbucht wird, kein Wort darüber, dass von 1945-1961 sowie von 1990 bis 2009 der Osten für teuer Geld Fachkräfte ausbildet, welche dann zu Tausenden in westdeutsche Unternehmen „übersiedeln“…

Kein Wort darüber, dass der Osten seit 1990 nie etwas anderes war als ein Verschiebebahnhof für Geldwäsche und die Privatisierung von Steuergeldern an westdeutsche Kapitalisten.

Kein Wort darüber, dass jedes Jahr viele Millionen Euro im Osten (bei Henkel, Delivery, Porsche, BMW, VW, Opel, Siemens, DHL, Bosch…) erarbeitet werden und gleichzeitig die Gewinne der „Ost-Zweigstellen“ in den Westen fließen. Genauso wie die Gelder für die Stromrechnungen jedes (!) ostdeutschen Haushaltes…

All das muss der Wessi nicht wissen. Wichtig ist nur, mit dieser Propaganda die deutsche Teilung wieder herzustellen, um das Proletariat „West“ gegen die Proletarier „Ost“ ausspielen zu können.

Während im Westen grenzenloser Neid geschürt wird mit „Im Ruhrgebiet verfällt alles während im Osten die Rathäuser mit Marmor gefliest werden!„, wird von den Ossis seit 20 Jahren Unterwerfung und Dankbarkeit gefordert.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde!

Lasst euch nicht an die innerdeutsche Grenze treiben von BILD & Co mit dem Schlachtruf „Ich will mein Geld zurück!“

Geht zusammen mit den Ossis zu den Hochhäusern der Konzerne und Banken! Da wäre eine solche Forderung am richtigen Platz!

Die Ossis haben nie „Geld bekommen“. Es gab seit 1949 immer nur Kredite aus dem Westen. Bis heute. Jeder einzelne Euro westdeutscher Steuergelder (Ossis zahlen weder irgendwelche Steuern noch Soli-Zuschlag, erst recht keine Beiträge zur Rentenversicherung…hab ich aus der BILD gelernt) wird mit Zins und Zinseszins abgearbeitet und auf die Privatkonten der Kapitalbeistzer im Westen transferiert.

Aber von diesen Transferzahlungen und Transferempfängern muss niemand wissen. Nicht in Ost und nicht in West.

Vor 20 Jahren ist die Mauer gefallen. Die Mauer der Hemmungen zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,: kein Gott, kein Kaiser noch Tribun: Uns aus dem Elend zu erlösen: können wir nur selber tun!

In diesem Sinne:

Proletarier in Ost und West…vereinigt euch endlich!

[Update]:

„Wirtschaftswissenschaftler“ Prof. UnSinn fordert unterschiedlich hohe HartzIV-Regelsätze. Damit würden selbst die Alg2-Empfänger noch einmal unterteilt in unterschiedlich versorgte Arbeitslose:

Focus: Die Regelsätze müssten „regionalisiert und an das Preisniveau vor Ort angepasst werden“. Langzeitarbeitslose in strukturschwächeren Regionen würden demnach niedrigere Regelsätze erhalten als Betroffene in teureren Gebieten wie den Ballungsräumen.

Tolle Idee! Strukturschwachen Regionen würde noch mehr von der eh schon miserablen Kaufkraft verloren gehen, was zu einem Absterben von Dienstleistern und Kleingewerbetreibenen (Familienbetriebe, Handwerker) führt.

Hingegen wäre die Deflationsgefahr für „gute“ Ballungsräume eher minimal bzw. gebannt.

Das Prinzip „Bei den Sozialleistungen sparen um jeden Preis“ führt ausserdem zu sehr fantasievollen „Erfassungen“der regionalen Lebenshaltungskosten in den eh schon verarmten Kommunen und Städten.

Für viele Ost-Unternehmen sei das Lohnniveau zu hoch. Vor allem deshalb gebe es in Ostdeutschland eine deutlich höhere Arbeitslosenquote als im Westen.

Stupide Angebotstheorie: „Wird Arbeit billiger, wird mehr davon angeboten

Fragt sich bloß, wer dann noch den Ost-Unternehmen (welche ja nicht bzw. kaum exportorientiert sind) mit den notwendigen Arbeitsaufträgen versorgen soll, damit die Billig-Arbeiter auch was zum Arbeiten haben…

Wer wie Prof. UnSinn nur 5% oder 10% seines Einkommens verbraucht und den Rest zum Vermögensberater schafft, kann einfach nicht erkennen, dass Löhne gleichzeitig Umsätze und Gewinne sind. Aber diese Bildungsferne teilt er ja bekanntlich mit zahlreichen anderen „Leistungsträgern“ und „Experten“.

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One Comment - “Wörter zum Sonntag”

  1. Flying Circus Says:

    „Wer wie Prof. UnSinn nur 5% oder 10% seines Einkommens verbraucht und den Rest zum Vermögensberater schafft, kann einfach nicht erkennen, dass Löhne gleichzeitig Umsätze und Gewinne sind.“

    Harharhar. Treffer, versenkt. Aber das lernen die Brüder in diesem Leben nicht mehr.
    Wie lange noch bis zur Einführung der Sklaverei? Würde alle Probleme mit Lohn und Lohnnebenkosten doch endgültig lösen. 😉


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