Welt erfindet Zeitgeschichte

Am 11. März 1999, also vor 10 Jahren, verließ der Sozialdemokrat Lafontaine die Koalition der Neoliberalen.

Seither wird in den bundesdeutschen Geschichtsbüchern verbreitet, er wäre „vor der Verantwortung geflohen“, er hätte „einfach hingeworfen“ usw.

Heute nun widmet sich Springers Welt diesem 10jährigen Jahrestag mit einer plumpen Wiederholung dieser Propaganda.

Unter dem Titel Wie es war: Der Tag, an dem Lafontaine die Politik aufmischte fasst die Welt-Redaktion die damaligen Vorgänge so zusammen, wie es ihrer Meinung nach der Wähler Bürger glauben soll.

Mit seinem Weggang aus Bonn begann Lafontaines Entfremdung von der SPD

Nicht Lafontaine hatte sich „entfremdet“, sondern sie Schröder-SPD von der Sozialdemokratie.

Während der „Automann“ Schröder einen wirtschaftfreundlichen, politisch pragmatischen Kurs fuhr, stand Lafontaine für dogmatischen Sozialstaatskonservatismus.

Astreine Manipulation: Schröder als „wirtschaftsfreundlicher Pragmatiker“ und Lafontaine als „dogmatischer Sozialstaatskonservativer“. Auch die Bezeichnung „Automann“ kommt während der Opel-Krise nicht zufällig in die WELT. Wohin der wirtschaftsfreundliche Schröder-Pragmatismus geführt hat, kann man sehen, wenn man mal nach „Kinderarmut“ oder auch „Altersarmut“ googelt.

Er plädierte für mehr Lohnfortzahlung, mehr Kündigungsschutz und höhere Renten.

Das ist bekannt. Das muss Oskar im Bundestag immer noch machen. Aber warum verschweigt WELT, was Schröder wollte? Im gesamten Artikel findet sich übrigens kein Wort über die Flucht vor der Verantwortung der Schröder-Regierung 2005.

Hombach wollte die SPD nach dem Vorbild der britischen Labourpartei modernisieren, was Lafontaine um jeden Preis zu verhindern suchte.

Hier schlägt WELT einen rethorischen Haken. Anstatt auf Schröders wirtschaftsfaschistische Agenda2010 und seinen Verrat an der Sozialdemokratie einzugehen, wird der korrupte Wirtschaftslobbyist und Ex-Minister Hombach aus der Mottenkiste geholt. Angeblich ging es damals um eine „Modernisierung der SPD“. Diese „moderne“ SPD hat Gesetze erlassen, wie es sie nahezu identisch zur faschistischen Disziplinierung der Bevölkerung von 1929 bis 1945 gegeben hat. Was Lafontaine um jeden Preis verhindern wollte, war die EU-kompatible Wiederauferstehung des 3. Reiches. Leider erfolglos.

So verweist Schröder bei jener Kabinettssitzung am Mittwochvormittag auf die schlechte Wirtschaftslage und die steigende Arbeitslosigkeit. Und Lafontaines Sozialstaatspläne unterstützten für Schröder diesen Trend noch.

Das sollte man sich unbedingt merken!

Bereits damals hatte Schröder ohne Sinn und Verstand die Faschisten-Propaganda übernommen, nach der der Sozialstaat für die Arbeitslosigkeit verantwortlich sein sollte. Genauso dumm argumentieren heute noch die „Experten“ Prof. UnSinn, Hüther usw.

Ich vergleiche den Sozialstaat immer gern mit dem Seil eines Bergsteigers. Ist dieses Seil stark und lang genug, wird er ohne zu zögern mutig jeden Berg erklimmen. Nimmt man ihm dieses Seil weg, wird er vor Angst gelähmt am Fuße des Berges stehenbleiben und sich keinen Millimeter bewegen. Was die Kapitalisten befreit, fesselt den Rest der Menschheit.

Das spricht der Kanzler zwar nicht offen aus, aber er droht seinen Ministern: „Es wird einen Punkt geben, wo ich die Verantwortung für eine solche Politik nicht mehr übernehmen werde.“

Im Jahr 2005 wollte Schröder dann keine Verantwortung mehr für seine eigene Politik übernehmen. Auch das „vergisst“ Welt in dieser „historischen Wahrheit“.

Er (Lafontaine) verliert die Nerven, nachdem er zuvor erkannt hatte, dass ihn sein mächtiges Ministerium schlichtweg überforderte.

Hallo? Es ging nie um Finanz- oder Steuerpolitik! Hier spinnt WELT weiter an der Legende des „unfähigen und verantwortungslosen Lafontaine“. Dabei erklärt WELT selbst im gesamten Artikel, das der Rücktritt durch grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Schröder und Lafontaine provoziert wurde. Was Lafontaine am Finanzministerium überforderte, werden wir weder von WELT noch jemand anderem jemals erfahren. 🙂

Als diese Nachricht (des Rücktritts) bekannt wird, schießt der Deutsche Aktienindex um 300 Punkte, mithin sechs Prozent in die Höhe.

Lafontaine als Regierungsmitglied hatte die Spekulanten noch in ihrem Wahn ausgebremst…

Schröder lies die Ratten frei und lief dann selbst vor ihnen davon.

Und was lernen wir daraus? Nicht die Arbeitslosigkeit sank, sondern die letzten Hemmungen des Kapitals.

Doch Lafontaine war stets ein Mann ohne Maß und Mitte: Der einstige Hoffnungsträger der Sozialdemokratie legt deren Vorsitz, den Posten des Finanzministers sowie das Bundestagsmandat nieder, er wirft all seine Ämter „wie ein dreckiges Hemd“ (Hans-Jochen Vogel) von sich.

Ahja… „ohne Maß und Mitte“. Dass WELT den Parteirechten Vogel zitiert, gehört mit in die Propaganda. Man muss ja schließlich Zeugen für die eigene „Geschichte“ finden, oder?

Jeder aufrechte Sozialdemokrat hätte sich das Schröder-braune Hemd mit „SPD“-Logo vom Leib gerissen. Seit 10 Jahren ist Lafontaine Vorbild für inzwischen zehntausende Ex-SPD-Mitglieder und -Wähler.

Aber das verschweigt die rechtskonservative WELT natürlich.

Sogleich lässt Schröder seine engsten Vertrauten zusammen trommeln, unter ihnen Hombach und Staatssekretär Franz-Walter Steinmeier.

Wenigstens haben wir nun schriftlich, was Deutschland von Frank Walter Steinmeier zu erwarten hat.

Sogleich wird der abgewählte hessische Ministerpräsident Hans Eichel als künftiger Finanzminister gehandelt. Jene schnellen Personalvorschläge bestätigen Lafontaines Umfeld in der Vermutung, Schröder sei über den Rücktritt erleichtert.

Ich übersetz das mal: Schröder wusste von Anfang an, das seine Politik von überzeugten Sozialdemokraten nicht vertreten werden kann. Er wollte Lafontaine nur als „linkes Feigenblatt“ auf dem Schleudersitz des Finanzministers haben. Als der Plan aufging, war der Weg frei für einen umfassenden, bis heute währenden Rechtsruck der SPD. Vor der Schröder-Diktatur bestimmte erfolgreiches Personal die Besetzung der Bundesregierung. Nach Lafontaines Rücktritt kamen nur noch abgewählte Versager auf die Regierungsbank. Warum? Ganz einfach: Solche Versager wie Eichel, Scharping und Clement waren besonders empfänglich für „Zuwendungen“ und Karriere-Versprechen der Kapitalisten.

Lafontaine spricht an jenem Sonntag vor seinem Haus von einem „schlechten Mannschaftsspiel“ und beklagt die Entscheidung der Bundesregierung, sich am Kosovokrieg zu beteiligen. Diese außenpolitische Begründung aber war an den Haaren herbei gezogen.

Was Lafontaine da an den Haaren herbeigezogen hat, kann man im „Bildungsfernsehen“ als „Es begann mit einer Lüge“ ansehen. 😉

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