Was ist „systemisch“?

Mainhardt Graf Nayhaus (muss man nicht kennen) ist einer der BILD-Kommentarschreiberlinge.

In seinen „Meine Top10 der Woche“ listet er allerlei Merkwürdigkeiten auf, die ihm wöchentlich auffallen.

6. Die erstaunlichste Wissenslücke

… offenbart CSU-Landesgruppenchef Ramsauer mit der Kritik an dem von Angela Merkel gebrauchten Wort „systemisch“ bei Sanierungsfällen der Industrie: „Noch nie gehört, bevor die Kanzlerin es in die Welt setzte.“ Steht im Duden, Seite 990!

Dann schauen wir doch mal im Duden nach: sys|te|misch <Adj.> (Biol., Med.): den gesamten Organismus betreffend

So sagt der Duden. Dem könnte man sich anschließen, hätte diese Medaille nicht noch eine 2. Seite:

Aus systemischer Sicht manifestiert sich am Problemträger eine Störung, die ihre Ursache im Gesamt­system in einem gestörten Ablauf hat. (http://www.teamdynamik.net)

Laut Duden besitzt der Begriff „systemisch“ also eine medizinisch-biologische Bedeutung. Darauf bezieht sich offensichtlich die Bunderegierung bei ihren „Rettungsmaßnahmen“ für „notleidende“ Banken. Wer Geld bekommen soll, wird zu „systemisch“ erklärt, wer kein Geld bekommt eben zu…ja was? „unsystemisch“? „überflüssig“?

Hingegen bezieht sich die 2. Definition auf die Klärung der Schuldfrage eines Problems: Liegt die Schuld im „Problemträger“ oder im System, in dem er sich befindet?

Was passiert hier eigentlich?

Mit der inflationären Benutzung des Begriffes „systemisch“ wird im neoliberalen Neusprech eine neue Definition eingeführt. Der Begriff wird „neu besetzt„. Normalerweise müssten doch Politiker, Medien, Wirtschafts“experten“ u.ä. Gestalten anstatt „systemisch“ eigentlich „systemrelevant“ sagen, oder?

Das wäre sprachlich wie sachlich korrekt. Aber sie tun es nicht!

Denn ohne diese Neubesetzung dieses Begriffes könnten böse Menschen auf die Idee kommen, bei Opel & Co nicht die Wirkung, sondern die Ursache des Übels zur Sprache zu bringen: das System!

(Ich bleib jetzt mal beispielhaft bei Opel, ok?)

Opel ist laut Merkel „kein systemisches Unternehmen“. Hingegen werden die Krisenverursacher mit dem Namenszusatz „Bank“ ausnahmslos als „systemisch“ bezeichnet.

Würde man den Begriff nun richtig, d.h. nicht sinnentstellt, verwenden, wäre Opel Opfer einer systemischen Störung. Man müsste also das System „kurieren“, um die Opel-Krise zu bewältigen.

Denn die Ursache liegt bekanntlich nicht bei Opel, sondern im Kapitalismus als umgebendes System. Nun ist es in diesem Land strengstens verboten, das System „Kapitalismus“ in irgendeiner Form in Frage zu stellen. Wer dieses Verbot missachtet, wird sofort zum Stalinisten, Staatsfeind, Undemokrat usw. erklärt.

Nun begeben sich Politik, Medien und „Experten“ damit aber auch in eine ideologische Sackgasse. Wenn sie auch nur ein einziges Unternehmen (ob nun Bank oder Ich-AG ist egal) für „systemisch“ im Sinne von „systemrelevant“ bezeichnen, widersprechen sie damit höchstpersönlich ihren eigenen, jahrzehntelang verbreiteten Legenden über den Kapitalismus.

Angeblich soll der Kapitalismus ja „Garant für Freiheit, Demokratie und Wohlstand“ sein, da er auf privatem Kapitalbesitz und Marktwirtschaft basiert.

Aber was bedeutet die Existenz von systemrelevanten Unternehmen für das System „Kapitalismus“?

In erster Linie Abhängigkeit! Der herrschende Kapitalismus ist also abhängig von der Existenz und damit Handlungen eines privaten Unternehmens, also einer (oder mehrerer) Privatpersonen als Eigentümer mit dem Besitzanspruch „Verfügungsmacht“.

Das ist ein krasser Widerspruch zur Legende „Freiheit und Demokratie“. In einem solchen System kann niemand frei sein, wenn das System selbst schon von der Gunst und Gnade eines „systemrelevanten“ Kapitalbesitzes/-besitzers abhängig ist. Selbstverständlich gilt das Gleiche für die Demokratie. Es spielt im System keine Rolle mehr, ob es demokratisch aussieht oder nicht: es ist abhängig von der Diktatur des „systemischen“ Kapitals.

Und es bestehen keinerlei Zweifel daran, das ein „systemischer“ Kapitalbesitzer ohne jede Rücksicht das System ausnutzt, um ausschließlich zur Steigerung seines persönlichen Reichtums und Wohlstandes zu handeln.

Im „modernen“ Finanzmarktkapitalismus spielt die real produzierende Wirtschaft nur noch eine Nebenrolle. Sie dient in der herrschenden Ideologie nur noch zur Renditeerzeugung der Finanzspekulanten an den regierenden Kapitalmärkten. Ob nun durch Produktion oder zum Spekulieren mit Filetstücken nach der „Zerschlagung“ ist dabei eher nebensächlich.

So erklärt sich auch, weshalb man ohne zu Zögern hunderte Milliarden Euro in die Finanzwirtschaft gesteckt hat, sich aber nun mit Händen und Füßen weigert, Opel & Co auch nur einen lausigen Cent zu überlassen.

Für den Steuerzahler spielt es eh keine Rolle mehr…das Kind ist bereits unerreichbar tief in den Brunnen gefallen, als Steinbrück mit beiden Händen Steuermilliarden an die Eigentümer der IKB, der Commerzbank, des Allianz-Konzerns, der Hypo Real Estate und andere „systemische“ Kapitalisten und Spekulanten verteilt hat.

Licht und Schatten

Die einzige „systemische“ Relevanz im Kapitalismus besitzt die Arbeitslosigkeit. Ohne (arme) Arbeitslose gäbe es für die Kapitalbesitzer keine Möglichkeit mehr, sich die Arbeit „ihrer“ Arbeitnehmer in Form von Profit anzueignen. Je höher die Arbeitslosigkeit, umso höher die Profite durch die Möglichkeit, unbezahlte Arbeit zu erpressen.

Wollte man die Krise wirklich beenden oder zumindest eindämmen, dürfte man nicht die Banken mit Geld zuschütten (sie werden leider nicht daran ersticken), sondern die Arbeitnehmer und Arbeitslosen. Sie würden das Geld nicht beim Monopoly umverteilen wie die Kapitalisten, sondern damit konsumieren. Zum Beispiel Autos kaufen, Haushaltsgeräte anschaffen oder andere „systemische“ Ausgaben tätigen.

Aber damit wäre das Grundübel „Kapitalismus“ wieder gestärkt und in den Augen der Öffentlichkeit wäre der konjunkturelle Aufschwung ein Beleg für die Richtigkeit der oben erwähnten Kapitalismus-Legenden.

Die Geschichte hat uns gelehrt, das man den Kapitalismus erst dann abschaffen kann, wenn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ihn auf Grund seines „systemischen“ Fehlers „Kapitalbesitz = Machtbesitz“ ablehnt und überwinden will.

Aus marxistischer Sicht wäre es sicher sinnvoll, überhaupt nichts zu tun. Einfach abwarten, bis ein Konzern von seinen Eigentümern mangels Profit „geschlossen“ wird, um ihn dann am nächsten Tag in einer neuen, gesellschaftlichen Eigentumsform wieder zu eröffnen. Gern auch als „VEB Opel“ 🙂

Nur eine solche Handlungsweise kann aus meiner Sicht dazu führen, zumindest wieder eine soziale Marktwirtschaft herzustellen. Besser als die heutige Marktwirtschaft wäre sie auf jeden Fall, wenn auch noch kein Sozialismus.

Die Kapitalisten wären gezwungen, ihre Profite zu Gunsten der Arbeits- und Sozialeinkommen zu reduzieren und ihre gesellschaftliche und politische Macht würde kein „systemisches“ Niveau mehr erreichen. Die Kapitalbesitzer wären den Arbeitskraftbesitzern gesellschaftlich wie demokratisch gleichgestellt.

Wem das nicht reicht, der kann ja freiwillig auf seinen Kapitalbesitz verzichten und sich seinen Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen. Aber welches scheue Reh verzichtet schon freiwillig auf seine Futterstelle? 😉

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Entwicklung von Freiheit, Demokratie und Wohlstand

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8 Kommentare - “Was ist „systemisch“?”

  1. otti Says:

    Kapitalismus systemisch erklärt …
    Der Kapitalismus in seiner – systemischen – Gier, der verreckt jetzt hier.

    Ausgezeichneter Artikel!

  2. Schomi Says:

    Bitte obenstehende Daten löschen!

  3. wareluege Says:

    Wie meinen? Ich steh grad aufm Schlauch….

  4. Duckhome Says:

    Systemisches und anderer Schwachsinn…

    Peer Steinbrück, der aktuelle Darsteller des deutschen Finanzministers, ist zwar ständig bemüht neue Nebelkerzen zu werfen und redet staatstragend von systemischen Banken. Diesen schwachsinnigen Begriff aus neoliberalem Neusprech,…


  5. […] muss andere Gründe haben und die hat es auch. Hier hat jemand mal schön zerlegt welche es sind. Denn was uns hier als “sytemisch” verkauft wird ist eine […]

  6. willi Says:

    Schöne sytemische, äh- sytematische, äh- sytemrelevante –ich bin verwirrt– Abhandlung.
    Fazinierend ist, wie schnell die PR-Agenturen und Spindocters sich immer neue Worte einfallen lassen, nur damit das was passiert, nicht nachdem aussieht was es ist. Diese Finanzkrise hat einen unglaublichen Brei an Begriffen und Wortsschöpfungen hervorgebracht, der eher verwirrt als aufklärt.
    Dreht man einfach den Ton weg und lässt nackte Bilder und Zahlen sprechen sieht es plötzlich nach dem aus, was es eigentlich ist: Ein gigantischer Raubzug der Finanzindustrie an der Allgemeinheit.


  7. […] von systemischen Banken. Diesen schwachsinnigen Begriff aus neoliberalem Neusprech hat Ware:Lüge umfassend entlarvt, so dass sich jede weitere Erklärung erübrigt. ~ Steinbrück und seine […]


  8. […] die “Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen” wie es so schön heißt. (via Wahre Lüge) Schade nur, dass schon wieder diese verkackten Halbtoten jenseits der Mindesthaltbarkeit und das […]


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