Aufrüstung im Milchkrieg

Das Profitinteresse ist der Maßstab für ökonomisches Handeln. Nicht diejenigen, die die Werte schaffen entscheiden was und wie produziert wird, sondern die Regulierung der Produktion erfolgt ausschließlich über die Erwartungen an den zukünftigen Profit.

Es wird aufgerüstet. Der Krieg geht in die nächste Runde.

Im vergangenen Jahr gab es einen Streik der Milchbauern. Die Molkereikonzerne sowie die Konzerne des Handels erklärten den Milchbauern den Preiskrieg. Sie nutzten den natürlichen Verkaufszwang der Bauern aus, um die Milchpreise zu drücken. Selbst die ökonomische Untergrenze, der „Herstellungspreis“, wurde dabei unterboten. Als es für die Bauern nur noch um die nackte Existenz ging, traten sie in einen mehrtägigen Lieferstreik.

Dieser Streik hatte Erfolg. Die Konzerne mussten die Einkaufspreise zu Gunsten der Milchbauern wieder anheben.

Der Grund für den Erfolg war einfach: Die Milchregale in den Supermärkten leerten sich und bald war nichts mehr da, was man profitabel hätte verkaufen können. Und die Aussicht auf ausbleibenden Profit ist für jeden Kapitalisten der Super-Gau.

Nun steht ein neuer Milchkrieg vor der Tür. In diesem Jahr soll die Wirtschaftskrise die Legitimation für eine neue Dumpingpreis-Runde bieten. Aber die Bauern haben den Braten schon gerochen und davor gewarnt, wieder die Einkaufspreise zu senken. Die meisten Bauern leben in der Milchwirtschaft eh nur von der Hand in den Mund, da durch steigenden Unkosten (Futter, Energie, Kraftstoffe etc) nur noch ein kleines Almosen vom Verkauf an die Molkereien übrig bleibt. Je mehr Milchbauern in Deutshcland ruiniert werden, umso mehr Milch aus zweifelhaften Produktionsbedingungen wird aus Osteuropa importiert.

Das funktioniert aber wegen der Haltbarkeit nur mit H-Milch. Dumm für die Konzerne ist die Tatsache, dass die Kunden lieber zu Frischmilch greifen, weil sie einfach nach Milch schmeckt und nicht nach einer undefinierbaren Mischung aus „abgekocht“ und „Pappe“.

Das Problem beim letzten Lieferstreik der Milchbauern war die Haltbarkeit. Frischmilch lässt sich im Tetrapack etwa 3 bis 5 Tage im Kühlhaus und im Kühlschrank lagern.

Länger braucht ein Lieferstopp auch nicht zu dauern, bis die Handelskonzerne einknicken und die Forderungen der Milchbauern erfüllen.

Dieses Problem wurde nun gelöst! Mit ESL-Milch!

esl-milch

Diese neue „länger frisch…länger haltbar„-Milch findet man in allen Super- und Discountmärkten. Leider wurde den Kunden verschwiegen, das es sich hierbei nicht um Frischmilch handelt.

Was den Kunden hier (mangels Alternative „Frischmilch“) aufgezwungen wird, ist sogenannte „ESL-Milch“. Weder Frischmilch noch H-Milch, sondern ein neuartiges Zwischenprodukt.

Die Abkürzung ESL steht für extended shelf life, also “ längere Haltbarkeit im Regal“. Normale Frischmilch wird bei Temperaturen zwischen 72° und 75° in wenigen Sekunden pasteurisiert. Ein großer Teil der Milchsäurebakterien wird dabei abgetötet. Aber eben nicht alle und diese Temperaturen schaden auch nicht den Vitaminen oder dem Milcheiweiß.

Das Gegenteil davon ist H-Milch. Hierbei wird Milch bei 135° „ultrahocherhitzt“. Was von der Milch übrig bleibt, ist eine wertlose Mischung aus Wasser und den Resten des Milcheiweißes. Dieses Zeug hält sich mehrere Wochen und Monate „frisch“. Kein Wunder…es ist ja auch nur noch eine tote Emulsion. Abgesehen vom ekligen Geschmack „muffig und abgekocht“ ist die H-Milch für die Ernährung nicht nur wertlos, sondern auch durch die Veränderung des Milcheiweißes schwer bekömmlich.

Diese Eigenschaften führten dazu, das sich H-Milch nie als Alternative zur Frischmilch durchsetzen konnte.

Also erfand man die ESL-Milch! Hierbei wird die Milch auf „nur“ 127°C erhitzt. Mit Hilfe von heißem Wasserdampf werden zusätzlich fast alle Milchsäurebakterien abgetötet, „eingefangen“ und ausgefiltert.

Am Ende bekommt man wieder wertlose H-Milch, allerdings mit einem reduzierten „muffig-und abgekocht-Geschmack“. Diese ESL-Milch ist nicht nur 3-5 Tage haltbar, sondern 2-3 Wochen!

Neben der ernährungsphysiologischen Wertlosigkeit dieser Plörre gibt es ein weiteres Problem: Verdorbene ESL-Milch lässt sich nur sehr schwer am Geschmack erkennen. Es fehlt der saure Geschmack der Frischmilch ebenso wie der bittere Geschmack verdorbener H-Milch. Verdorbene ESL-Milch schmeckt einfach „undefinierbar“.

Was soll also dieser Betrug am Kunden?

Molkerei- und Handelskonzerne können dem Kunden nun auch während eines Lieferstreiks der Milchbauern mehrere Wochen lang(!!) „Frischmilch“ anbieten und dabei die Milchbauern massiv unter Druck setzen. Nur sehr wenige Milchbauern sind in der Lage, einen solch langen „Milchstreik“ zu überleben. Ausserdem bringt diese moderne Manipulation des Naturproduktes „Milch“ noch eine weitere Gefahr mit sich: Man kann „Frischmilch“ in der ESL-Version nun auch billigst aus Osteuropa importieren, ohne das diese „Milch“ nach 2-3 Tagen Autobahnfahrt als Sauermilch bei den Verarbeitern ankommt.

Die Kunden haben keine Wahl: Die Milchregale werden fast ausschließlich mit künstlicher „Frischmilch“ aus ESL-Produktion gefüllt. Die herkömmliche Frischmilch wird nur noch zu überhöhten Preisen als „Bio-Milch“ angeboten.

In gewisser Weise ohne Skrupel zu recht: Verglichen mit der neuen ESL-Milch ist die herkömmliche industriell hergestellte Frischmilch tatsächlich „Bio“.

Im Jahr 2007 betrug der Martanteil der ESL-Milch noch 1-2%. Nach dem Lieferstreik der Milchbauern 2008 wurde dieser Anteil schrittweise auf über 98% Ende 2008 erhöht.

Zufälle gibs… 😉

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2 Kommentare - “Aufrüstung im Milchkrieg”

  1. °F(ahrenheit) Says:

    Hallo!
    Zum Thema Milch habe ich just im Januar 2008 schon was geschrieben:

    >>Ich kaufe schon seit 7 Jahren meine Milch beim Bauern, und was zahl ich da: 0,52 € pro Liter – Vorzugsmilch! Und das schon seit ein paar Jahren. Auf meine Frage, warum denn die Michpreise so explodieren und sie (die Bauern!) denn weniger nehmen, als die Milch in einem Supermarkt kostet, bekam ich folgende Antwort:

    „Es ist zwar richtig, daß die Bauern schon seit Jahren knapp an der Grenze kalkulieren müssen, aber die Milchpreise werden vom Molkereiverband vorgeschrieben und sie dürfen nicht mehr Geld nehmen.“

    Im Übrigen zahlen die Molkereien, zumindest bei Hamburg, den Bauern gerade einmal 26 cent je Liter Rohmilch an die Bauern…

    http://politfactor.wordpress.com/2008/01/07/die-inflation-betragt-sozialbereinigt-ca-30/

    lg, Fahrenheit


  2. Wir lieben Lebensmittel: ESL-Bio-Milch…

    Die bei Edeka lieben Lebensmittel?

    Ich liebe frische Milch. Ich hab kürzlich im örtlichen Edeka Milch gekauft. Wegen der Diskussion um ESL-Milch griff ich kurzerhand zur Bio-Milch. Beim Einräumen in den Kühlschrank bemerkte ich dann neben dem Bio-Si…


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